| Gigantische Portraits überall, auf dem Boden, an den Wänden - Big Brother's Watching You? Kopflastige Kunst? Die Gesichter lachen nicht, signalisieren nichts, sind leer und starr, sie starren ausdruckslos, kommunizieren nichts - so wie wir Kommunikation erwarten. Doch dann geraten einige buchstäblich 'außer sich', wie Sprechblasen überlagern vergrößerte Münder, Nasen, Hände, Körper -fragmente die anderen Körperteile. Und in diesen Einschüben steht plötzlich ein Ausdruck, aber gleichsam aus dem Körper ausgelagert, wie eine Art Outsourcing emotionaler Dienstleistungen - so, als beauf -tragten sie jemanden anderes, eine Selbstentäußerung, mit der Repräsentanz, womöglich gar mit der Verwaltung ihres Innenlebens. Die Tragik einer nur noch partiellen Selbstobjektivierung - ohne die Kraft zur Totalen? Die standardisierten Gesichter erinnern an Zeitgeist-Ikonen: Eine gewisse gestylte Sinn ichkeit, nichts weist über den gegenwärtigen Moment hinaus, ihr Blick fixiert nicht, Gestik und Mimik ungerichtet, erwartungslos, schwarz-weiß ist ihre Welt und sonst gar nichts. Farbe (die K. Roolfs in anderem Zusammenhang begnadet handhabt) taucht auf den jüngsten Portraits eher mal als Nachgedanke auf. Kerstin Roolfs zielt nicht auf Abbilder oder gar Identitäten, schon gar nicht auf eine Identität auf Kosten anderer, noch sucht sie nach der wahren, wesentlichen, eigentlichen Identität. Sie zielt vorbei, wie jener Zen-Meister einst riet, ums ins Schwarze zu treffen - für Kerstin Roolfs die simultane Gegenwart aller Latenzen. Ihre Köpfe (suggerieren nicht die Todesstarre terminaler Identität, sie) warten auf die Aktivierung durch ein Gegenüber, den Blick, der sie selber zum Gegenüber macht. Die Künstlerin läßt die Köpfe oft im Zweier - oder Mehrfach - Pack auftreten, und auch wenn sie miteinander schier gar nichts zu tun haben auf diesen Bildern - die Sichtachsen kreuzen sich mitunter, mal sind sie paralell, mal überschneiden sich auch die Gesichter. Doch selbst wo sie ineinander übergehen: miteinander haben sie schier nichts zu tun. Auch dieses fremde Nebeneinander, diese ferne Nähe, dient offenstichtlich nur der Suche nach dem Anlauf- punkt, wie übrigens auch ihre Spiegelbilder: als müßten die Objekte, um irgendeinen Weltbezug zu haben, sich selber spalten, sich entäußern - damit es endlich auch ein Gegenüber für sie gibt. Narziß hatte diesen Weg gewählt (als Selbstliebe oft mißverstanden). Und auch in den quasi seriellen Bildern treten die Gestalten zwar aus sich heraus, doch niemals aufeinander zu. Die Gruppe gibt es nicht im Oeuvre dieser Küntlerin: Ein Eiseshauch existentieller Einsamkeit umgibt die 'Portraits' - die schon deshalb keine sind, weil Portraits die gestaltende Perspektive, also eine Beziehung voraus- setzen, das Gesehenwerden. Es sind Gesichter ohne Adressaten, einsatzbereit, noch ganz Ressource, noch ganz Latenz. Die Transparenzen, die K. Roolfs gezielt einsetzt, wirken hier wie ein ironischer Selbstkommentar: Teilaspekte werden durchsichtig, partiell einsichtig (im Wortsinn), die gestaffelte Suggestion einer auf keiner Ebene, in keiner Tiefenschicht endgültigen Identität: Kein Aspekt ist der eigentliche, die anderen nur Masken oder Rollen. |
Schon formal hat das Methode:
Die übermalten oder überdeckten Schichten, die Voriges und Anderes sichtbar belassen, die durchsichtigen oder durchscheinenden Materialien, das Neben-, In- und Übereinander der Objekt- Teile. Die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" nannte die Postmoderne diese Einstellung. Eine Revolution der evolutionären Logik - und der Ideologie der Reinheit als Ideal und Eigenschaft ganz sui generis: Reinheit ist für Kerstin Roolfs keine Eigenschaft, eher der Mangel an Eigen- schaften. In der Praxis unseres Denkens und Erlebens sind alle vergangenen Erfahrungen, Sensibilitäten, Entwicklungs- stufen usf. gegenwärtig, nicht nur als passives Material, sondern als aktive Wahrnehmungsfilter. Nicht zufällig finden sich denn auch am Ende eines Zyklus die Arbeiten regelmäßig in einer Wandinstallation zusammen. Diese (man möchte sagen:) experimentelle Anthropologie ist Kerstin Roolfs eingentliches Thema, das jenes eindrucksvolle Spektrum der Methoden, der Perspektiven, der Formate und der Gegenstände eint. Es ist ein formales Thema, eine Topologie, ein Stil: Le style, c`est la femme memê. Da gibt es ganze Bevölkerungen von Figuren, deren Körperdramaturgie in Striche aufgelöst ist - eine Variante der Fragmentierung, auf Skizzen von Bewegungsabläufen geschrumpft. Fragmentierung als Stil betont das Komposi -torische jeder Wahrnehmung, es spielt die Assoziations- Automatiken durch, mit denen wir die Materie wachküssen: Aus Form und Farbe werden Handlungsformen und Gefühls- farben, aus Perspektive Einstellungen. Das gilt, vive versa, dann ebenso für die Portraits und die Installationen: Im Wortsinn wie „entfesselt" wirken K. Roolfs in sich durch -komponierte aber nicht mehr organisch zusammengehörige „Bruch"Stücke, die Kraft und Dramatik des Aufbruchs scheint die Teile und die Bildkomposition zu beflügeln. Nicht zufällig malt und zeichnet Kerstin Roolfs - von wenigen Nur-Portraits abgesehen - keine Einzelobjekte, sondern Szenarien, gewissermaßen Bühnenbilder des Innenlebens, kristallisiert aus unseren Vorstellungswelten Dramaturgien, denkbare Szenarien. Sie ist ganz eigentlich eine Malerin des Kopftheaters - Kopf hier als Prisma, in dem alle Wahrnehmungen und Vorstellungen zusammenlaufen, gebrochen und dann neu gebündelt werden, konfiguriert zu neuen Programmen. Kurzum Kerstin Roolfs Arbeiten sind Fronterfahrungen der permanenten Revolution, die sie in einer ständig ver -feinerten und angereicherten Formensprache kurzfristig zu Objekten bändigt, zu einem Gegenüber, über das man jedoch, sowie man es dingfest macht, gestaltet, definiert schon wieder hinaus ist - getreu der Hegelschen Grenz -dialektik. Darin liegt eine fast abgeklärte Heiterkeit und eine Melancholie, eine verhaltene Dramatik und eine bei aller formalen Strenge fruchtbare Morbidität. Form, das wußten die Alten, ist immer die ihres Inhalts. Eike Gebhardt, Berlin 1999 |